Augenblicke aus zwei Jahrhunderten

Toni Ziltener – Leiter Stoffkontrolle von 1974 bis 2010

Als eines von zwölf Kindern begann Toni mit 15 Jahren als Hilfsarbeiter in der Weberei Schröder in Egg. 1963 trat er in die Textilfachschule ein, wo er Ronald Weisbrod kennenlernte. Dieser war ihm dort bereits sympathisch, er war sehr bescheiden und hielt sich nie für etwas Besseres. Diese Einstellung behielt er Zeit seines Lebens.
Im Dezember 1974, nachdem zwei Webereien, in denen Toni gearbeitet hatte, schliessen mussten, begann er dann in Hausen in der Stoffkontrolle und in der Kartenschlägerei (Erstellung der Lochkarten für die Steuerung der SchaftWebmaschinen). Weisbrod bot ihm neben dieser spannenden Arbeitsstelle auch eine ideale Wohngelegenheit an.
Später, als Leiter der Stoffkontrolle, war seine Spezialität die Suche nach den Ursachen für Fehler in den Stoffen. Diese konnten an der Maschine, dem Garn oder an Fremdfasern liegen. Besonders die Moiré-Galoche-Qualität, eine Spezialität des Hauses mit Pfauenaugenmuster, hatte es ihm angetan. Diese Maschinen wurden jeweils abgedeckt, wenn Besuch aus dem Ausland die Weberei besichtigte … Ein besonderes Highlight war für Toni die eigene Kreation einer Krawatte mit seinem Familienwappen.
Bild: Toni Ziltener bei der Kartenschlägerei (Erstellung der Lochkarten) am Tag der offenen Tür 1986.

Susanne Giger – Disposition Handelsware von 1975

Bei ihrem Eintritt wurde sie damals Frau Uhlmann vorgestellt mit den Worten: «Sie macht jetzt ein Jahr Telefondienst.» Es wurden bekanntlich ein paar Jährchen mehr … Susanne ist ursprünglich gelernte Drogistin, hatte aber damals gerade keinen Job. Eine Freundin arbeitete in der Buchhaltung bei Weisbrod und sagte ihr, dass eine Telefonistin gesucht werde. Susanne solle sich doch mal melden. Also bewarb sie sich, sie wohnte ja gleich in der Nachbarschaft. Sie war überrascht, dass sie die Stelle auf Anhieb bekam. Eigentlich wollte sie ursprünglich nicht lange bleiben.
Die Teamausflüge hat sie jeweils sehr geschätzt. Sie pflegt noch immer viele schöne Bekanntschaften aus ihrer Weisbrod-Zeit und hat uns ein Fotoalbum einer Arbeitskollegin aus diesen Jahren vorbeigebracht.
Bild: Susanne Giger beim Kegeln am Zürrer-Plausch 1973.

Vincenzo Caterina – Stoffkontrolle von 1967 bis 2013

Vincenzo kam 1967 mit 17 Jahren zu Weisbrod und hat bis zur Pensionierung hier gearbeitet und auch immer in Hausen ge-wohnt. Dank der Empfehlung seines älteren Bruders, der mit dem Vater bereits in der Schweiz arbeitete, kam er zu dieser Stelle. Vincenzo reiste mit Touristenvisum aus Italien ein, er kam an einem Freitag an und fing bereits am Montag an zu arbeiten. Eine Arbeitsbewilligung erhielt er erst nach einem Gesundheitsuntersuch in Schaffhausen. Die Stimmung war früher für Italiener in der Schweiz schwierig, auf dem Land aber besser als in der Stadt. Vincenzo wollte möglichst rasch Deutsch lernen und schaute immer sofort alle unbekannten Wörter im Wörterbuch nach. Um damals Nachrichten aus Ita-lien zu erhalten, fuhr man am Wochenende mit dem Bus nach Zug oder Zürich, um von anderen Italienern am Bahnhof Neuigkeiten aus dem Vaterland zu erfahren. Nur einmal pro Jahr, während der langen Betriebsferien im Sommer, fuhr Vincenzo zurück nach Italien, um die Familie zu besuchen.
Seine erste Aufgabe in der Weberei war, die Stoffstücke an den Maschinen zu wechseln. Damals arbeitete Vincenzo mit einem Stundenlohn von CHF 1.00, später dann von CHF 1.20. Die Löhne wurden einmal pro Monat in bar ausbezahlt (in alten, bereits benutzten Couverts!). Danach wurde er Zettelaufleger, d. h. er montierte die fertig eingezogene Kette an der Maschine und steckte die Lamellen damals noch von Hand. Später konn-te er in die Stoffkontrolle wechseln. Weisbrod warb damals bei Schliessungen anderer Firmen direkt Personal dort an, und so kam Vincenzos spätere Frau von einer Weberei aus dem Tog-genburg ebenfalls nach Hausen. Sie arbeitete in der Weberei und betreute 12 bis 14 Webmaschinen, Vincenzo half ihr oft beim Wechseln der Stoffrollen. Diese Arbeit war sehr streng. Als die gemeinsamen Kinder klein waren, arbeiteten sie jeweils in versetzten Schichten. Oft wurden die Kinder zum Schicht-wechsel mitgenommen. Es gab viele Paare, die auf diese Weise beide je 100  Prozent arbeiteten. Das war praktisch, aber als Paar blieb so wenig gemeinsame Zeit.
Vincenzo hat besonders geschätzt, dass Ronald Weisbrod immer vor Weihnachten jedem Mitarbeitenden einzeln persönlich gute Wünsche überbracht hat.
Bild: Herr und Frau Caterina beim Tanzen, Ausflug Rigi 1985.
Schärerei im 2. OG des Langhauses um 1930

Myriam Studer – Enkelin einer Produktionsmitarbeiterin

Meine Grossmutter hat während Jahren als Zettlerin bei der Weisbrod-Zürrer AG gearbeitet und in einem Hausteil der Firma neben dem Gasthof Löwen gewohnt. Ich war fast jede Woche bei ihr in Hausen zu Besuch, für mich war es das Grösste, wenn ich sie alleine von der Arbeit abholen durfte. Es war immer ein sehr schöner Moment, wenn das Tor aufging und sie mir entgegenkam. Die vielen Geschichten meines Grosis haben mich als Kind so fasziniert, dass ich noch heute gerne selbst etwas Neues aus den Stoffen herstelle.
Gespräch bei der Entsorgungsstelle auf dem Chratz.
Bild: Schärerei im 2. OG des Langhauses um 1930

Helmuth Ebermann – Taxi-Unternehmer aus Hausen am Albis

1972 eröffnete ich ein kleines Ausflugsreisen- und Taxi-Unternehmen, mit dem wir auch bis 1992 Taxifahrten für die Firma durchführen durften. Es war eine schöne Zeit. Wir haben diverse Fahrten im Zweischichtbetrieb durchgeführt, z.B. in folgender Form:

04:15 bis 04:55 Uhr erste Schicht, Hausen a.A.-Mettmenstetten-Ottenbach-Obfelden-Affoltern a.A.-Hausen a.A.

Um 23 Uhr wurde dann das Personal von der zweiten Schicht auf ungefähr der gleichen Tour nach Hausen gefahren. Die Weisbrod-Zürrer produzierte dazumal mit der Loring im Betrieb in Mettmenstetten auch Windeln. Sobald die Migros eine Windelaktion ausgeschrieben hat, mussten wir die Loring-Mitarbeitenden anstatt in den gewohnten zwei in drei Schichten fahren.

Schreibmaschinengeschriebener Brief
Bild: Windelproduktion in Mettmenstetten um ca. 1960

Schärerei im 2. OG des Langhauses um 1930

Nicole Wetli (früher Bitzer) – Buchhalterin seit der Lehre ab 2001

In meiner Zeit als KV-Lehrling sah es im Weisbrod-Areal noch ziemlich anders aus als jetzt. Das ganze Areal war von den verschiedenen Abteilungen der Firma belegt und gar nichts fremdvermietet. Noch lange nach der Umnutzung benannten wir die verschiedenen Gebäude nach ihrer früheren Funktion: die Weberei, die Ausrüstung, die Stoffkontrolle etc. Das war für die neuen Mitarbeitenden sehr gewöhnungsbedürftig. Verein-zelte Begriffe wie das Garnlager sind sogar bis heute geblieben.
Damals existierte noch eine interne Post, in der wir Lehrlinge den Briefverkehr abfertigten und für den Abtransport durch die Post bereitstellten. Daneben gab es eine Telefonkabine mit einem kostenpflichtigen Münztelefon, das für private Telefonate zu benutzen war. Gewisse Personen waren häufig dort anzutreffen, wenn sie am Arbeitsplatz nicht auffindbar waren… Wir hatten früher auch noch Selecta-Automaten mitten im Gebäude; einen in der Weberei und einen für die Lagermitarbeitenden im Gang. Diese machten dort immer um ca.9.30 Uhr Kaffeepause, die offiziell nur 10 bis 15 Minuten hätte dauern dürfen. Früher durfte man beim Kaffeeautomaten auch noch rauchen!
Obschon es damals bereits E-Mails gab, mussten wir Lehrlinge oft Faxe schreiben, meistens innerhalb von Europa. Die Ursprungszeugnisse für den Export schrieben wir sogar noch mit der Schreibmaschine. Zwischen das Ursprungszeugnis und das Beglaubigungsgesuch wurde ein Kohlepapier gespannt, damit man den Text nicht zweimal tippen musste. Der Nachteil daran: Wenn man sich nur ein einziges Mal vertippte, musste man wieder von vorne anfangen mit neuen Formularen, weil man mit Kohlepapier dazwischen ja nicht korrigieren konnte. An meiner KV-LAP anno 2004 mussten wir im Fach Korrespondenz tatsächlich noch einen Brief schreiben – von Hand, wohlverstanden. Das, obwohl schon damals kein Mensch mehr von Hand einen Geschäftsbrief geschrieben hat.
Zu den Lehrlingsaufgaben gehörte in der Krawatten-Abteilung auch das Illustrieren der Auftragsbestätigungen für die Kundschaft. Das heisst, dass neben jedem neuen Dessin, das ein Kunde zum ersten Mal bestellt hatte, das entsprechende Stoffmüsterchen aufgeklebt wurde. Ich verbrachte Stunden damit, die ganzen Dessins im sogenannten Bändelarchiv zusammenzusuchen. Manchmal war es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Zudem befand sich dieses Archiv leider im stickigsten und heissesten Raum des Langhauses.
Als Lehrlinge mussten wir früher auch immer Spiele mit einem textilen Bezug organisieren für das jährliche Weihnachtsessen der gesamten Belegschaft. Wir hatten immer Mühe, solche Spiele zu erfinden und durchzuführen, und die meisten Mitarbeitenden hatten keine Lust, dabei mitzumachen. Aber lustig wurde es dann am Ende trotzdem!
Bild: Archiv-Schachteln der Krawatten-Abteilung mit Musterlaschen

Olivia Daub – Leiterin Disposition Weberei von 2002 bis 2012

Olivia kam von Gessner in Wädenswil zu Weisbrod. Dabei handelte es sich um die Weberei, die am vergleichbarsten war und die als Einzige ebenso lange durchgehalten hat. Olivia hatte dort bereits gekündigt, um eine längere Reise zu unternehmen. Gleichzeitig erfuhr sie durch eine Kollegin, dass Weisbrod eine Disponentin suche. Sie bewarb sich, teilte aber mit, dass sie erst in sechs Monaten beginnen wolle. Zu ihrem grossen Erstaunen liess sich die Firma Weisbrod darauf ein und wartete auf sie. Gute Fachkräfte waren nicht einfach zu finden.
Nach der Kündigung der Dispositionsleiterin wurde Olivia gefragt, ob sie sich die Leitung zutraue – sie war damals noch keine 30 Jahre alt. Ihre Antwort: Selbstverständlich! Etwa zwei Jahre später kam Ronald Weisbrod zu Olivia und teilte ihr mit, dass sie den Job toll mache und sie Ruhe ins Dispo-Team gebracht habe. Sie seien sich nicht so sicher gewesen, ob das zum Klappen komme. Das war das schönste Kompliment, das Olivia in Geschäftsbelangen je bekommen hatte.
In der Dispo ging es zu ihrer Zeit lustig zu und her, dort herrschte immer gute Stimmung. Ronald Weisbrod war ein typischer Patron. Er ging immer wieder durch die ganze Firma, am liebsten durch die Weberei. Er kannte alle Mitarbeitenden. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Nachtschichtweber während ihrer Schicht teilweise im Garnlager schlafen gingen.
Bild: Kettkarten in der Disposition
Schärerei im 2. OG des Langhauses um 1930

Vreni Vögelin – Kalkulation von 1979 bis 2017

Während der Lehre bei Schild in Liestal als Textilassistentin hat Vreni Erfahrungen in den Bereichen Spinnerei, Weberei, Färberei und Ausrüstung gesammelt. Nach der technischen und kaufmännischen Zusatzausbildung an der Textilfachschu-le und einem Abstecher in die Baumwollindustrie bewarb sie sich 1979 für die Kalkulationsstelle bei Weisbrod. Bedingung war aber eine Anstellung von mindestens zwei Jahren, damit sich die Einarbeitung lohne. Es wurden dann ein paar Jahre mehr!
Vreni hat die Vielseitigkeit ihrer Aufgaben sehr geschätzt. Es kamen immer wieder neue Aufgaben dazu, wie z.B. der Verkauf und die Disposition der Trachten- und Fahnenstoffe. Sie genoss die Freiheit in der Arbeitsgestaltung dank des Vertrauens, das den Mitarbeitenden entgegengebracht wurde. Auch die Team-Atmosphäre war sehr gut. Man half sich gegenseitig aus und gab das Wissen offen weiter an andere. Das entsprach ihrem Wesen und ihrer Einstellung ebenfalls, deshalb war es Vreni immer sehr wohl hier!
Bild: Vreni Vögelin an einem Anlass

Eveline Schoiswohl – Damenoberbekleidungs- und Deko-Designerin von 1994 bis 2012

Bei Weisbrod war ich während zwölf Jahren ein Mitglied des Designteams. Wir Designerinnen durften an unsere wichtigste Messe, die Première Vision in Paris, reisen. Einerseits zur Inspiration, aber auch als Belohnung für die vorangegangenen ein bis zwei hektischen Monate, in denen das gesamte Team daran arbeitete, dass alles termingerecht für Paris fertig wurde. Vor Ort konnten wir am direktesten erfahren, wie die Kollektion ankam, und auch gleich Kundenwünsche beantworten. Wir vom Designteam reisten meist einen Tag vor Messebeginn an, um unseren Stand zu dekorieren. Ich habe es genossen, vor dem grossen Messeansturm den Spirit des Endspurts aller teilnehmenden Firmen atmen zu können. Spannend war auch die in die Messe integrierte Indigo, an der selbstständige Designer aus der ganzen Welt ihre Dessins ausstellten. Hier konnte man verrückte Entwürfe finden, musste sich dann allerdings überlegen, wie man diese auf ein «industrielles» Niveau bringen konnte. Eine spannende Aufgabe!
Zudem besuchten wir immer gemeinsam mit dem Designchef Herrn Weisbrod die Show von Li Edelkoort, bis heute die angesagteste Trendforscherin auf dem Gebiet des Textildesigns. Das war für mich jedes Mal ein absolutes Highlight.
Nach einem anstrengenden Messetag machten sich die unzähligen Messebesucher jeweils fast gleichzeitig auf, um mit der RER zurück nach Paris zu fahren. Einmal hatte sich Herr Weisbrod offensichtlich weit vorne platziert. Als dann der Zug endlich einfuhr, geschah das, was wir bereits geahnt hatten: Es reichte nicht mehr für uns zum Einsteigen in den Waggon. Ich weiss noch, wie ich meinen Blick dem Zug entlanggleiten liess – und wen erblickte ich da, fröhlich zum Fenster der Lokomotive herausschauend und uns zuwinkend? Ronald Weisbrod hoch oben direkt neben dem Lokführer sitzend. Ich traute kaum meinen Augen: Wie hatte er es geschafft, dass der Zugführer ihm die Tür öffnete und ihm den Platz anbot? Man konnte sehen, dass er selbst davon überrascht war, so sehr lachte er übers ganze Gesicht! Hatte der Zugführer sich von einer charmanten Bemerkung überzeugen lassen? Oder dachte er, diesen freundlich aussehenden, älteren Geschäftsherrn mit seinem charismatischen Lächeln kann ich nicht stehen lassen? Wir wissen es nicht! Aber mir hat sich dieses Bild für immer eingeprägt: Herr Weisbrod im Führerkabinchen! Noch heute huscht ein Lächeln über mein Gesicht, wenn ich an diesen Augenblick denke. Wer ausser ihm hätte so was geschafft?
Bild: Ronald Weisbrod mit Kunden an der Première Vision in Paris, 1985
Schärerei im 2. OG des Langhauses um 1930

Ulli Werner – Webermeister von 2006 bis 2012

Zu Beginn hatte ich als Deutscher sehr Mühe, Kontakte zu knüpfen. Mit der Zeit wurde es jedoch zu dem Arbeitsplatz, den ich am meisten misse. Es wurde selbst bei sehr vielen Aufträgen mit Gelassenheit und Ruhe gearbeitet. Es war immer gegenseitiger Respekt spürbar, das habe ich seither nie mehr erlebt.
Bis zur Pensionierung arbeitete ich dann nach der Schliessung der Weberei in Hausen noch im Deutschen weiter. In dieser Firma war ich noch der letzte ausgebildete Webermeister. Es wurde für mich kein Nachfolger gefunden. Heute macht diese Arbeit ein Mechaniker. Es gibt auch nur noch wenige Textilfachschulen, denn wer möchte heute noch im Dreischichtsystem arbeiten?
Bild: Blick in die 2008 erbaute Webereihalle mit den 3.5m breiten Webmaschinen

Anna Gerle – Krawattenstoff-Designerin von 2006 bis 2012

Die Zeit bei Weisbrod habe ich enorm geschätzt, es war ein Traumjob, sehr vielseitig und anspruchsvoll. Die Möglichkeiten, die ich als Designerin hatte, neue Dessins zu entwickeln und dabei vom vorhandenen Know-how des Patroneurs und von der Nähe zur Produktion zu profitieren, waren toll.
Besondere Freude haben mir auch die grosse Freiheit bei den Schalentwicklungen sowie die Forschungs- und Studentenprojekte bereitet. So durfte ich auch die Krawatten mit echtem Goldgarn entwerfen. Mein Mann hat zu unserer Hochzeit eine solche Goldkrawatte getragen und hält sie weiterhin in grossen Ehren!
Bild: Paisley-Krawatte mit echtem Goldgarn, 2006.
Schärerei im 2. OG des Langhauses um 1930

Brigitt Mariotto – Damenoberbekleidungs- und Krawattenstoff- Designerin von 1985 bis 2012

Herr Weisbrod war immer sehr herzlich und liess einen an seinem Leben teilhaben.
An einer Besprechung mit ihm begann er einmal von seinem Sohn Oliver zu erzählen, der sei als Pfadileiter mit einer grossen Gruppe in den Bergen und es hätte ja einen Schneesturm gegeben. Er machte sich sichtlich Sorgen, dass etwas Schlimmes geschehen sein könnte. Ich erzählte von meinen eigenen Pfadierlebnissen und beruhigte ihn, dass sein Sohn das sicher mit grosser Verantwortung managen würde.
Wir waren 1991 am Tag vor der Messe Frankfurt mitten in den letzten Vorbereitungen. Wir Designerinnen und das ganze Musterzimmerteam waren spät am Abend noch am Arbeiten. Wir wussten, es würde mit Sicherheit noch eine bis zwei Stunden dauern. Plötzlich ging die Tür auf und Herr Weisbrod trat ein mit einer riesigen Kiste Sandwiches und mit Getränken für uns. Er klatschte in die Hände: «So, jetzt essen wir was und dann machen wir noch den Endspurt.» Dann ass er mit uns. Wir waren alle überrascht und haben uns extrem gefreut, denn das gab uns wieder Energie und Motivation.
Bild: Krawattenstoff wird kontrolliert

Edi Waldesbühl – Controller von 1979 bis 2014

Edi kam von der grossen Textildruckerei Heberlein und wurde im November 1979 von Hans Weisbrod bewusst als Ergänzung zu Ronald Weisbrod eingestellt. Er wurde dem Personal als Controller vorgestellt, doch die meisten kannten diese Jobbezeichnung nicht. Sogar an einer externen Verbandssitzung fragte jemand, wieso Herr Weisbrod den Stoffkontrolleur mitnehme.
Edi hatte zwar ein eigenes Büro im Kosthaus (Weisbrod-Areal 6), aber in den ersten Wochen arbeitete er vor allem im ehemaligen Buchhaltungsgebäude am Arbeitsplatz der seit Monaten krankheitshalber abwesenden Finanz-Vizedirektorin. Deren Holzpult war mit einer grünen Kunststoffmatte geschützt und diese wiederum durch einen pultgrossen Karton. Doch der Karton war bedeckt mit Bergen von Pendenzen. In einem ersten Schritt sortierte er das Retourgeld in verschiedenen Währungen aus den Spesenabrechnungen der letzten Monate. Seine Vorgängerin hatte immer alles selbst machen und entscheiden wollen. Entsprechend kamen nun die aufgestauten Fragen der Mitarbeitenden und Lehrlinge. Ohne Einführung konnte er diese kaum beantworten, aber mit der Rückfrage «Wie würden Sie es denn machen?» wurden meistens gute Lösungen gefunden.
Er stellte fest, dass trotz November der Abschluss der Pensionskasse per Ende Vorjahr noch fehlte und natürlich auch der Jahresabschluss der Firma per Ende Juli. Und eine Mitarbeiterin klagte über den «modernen» Lochkarten-Computer. Gleichzeitig lag in den Pendenzen ein Schreiben, dass die Wartung für diese Maschine altershalber nicht mehr gewährleistet werden könne.
Als er Hans Weisbrod sein erstes grosses Projekt, die Computereinführung, unterbreitete, um die Zusage für das Budget von 300’000 CHF zu erhalten, hörte dieser interessiert zu, sagte aber zum Schluss: «Das müssen Sie entscheiden, dafür haben wir Sie eingestellt.» Natürlich rechnete Edi alles nochmals durch, um sicher zu sein, dass er es verantworten konnte. Trotz vereinzelter Äusserungen wie «Das funktioniert bei uns niemals» fand die Lösung dank der beiden involvierten Informatiker eine gute Akzeptanz und blieb noch sehr lange im Einsatz.
Bei einer Betriebsbesichtigung erzählte Edi ein Teilnehmer, sein Vater habe in den 20er-Jahren in der Weberei gearbeitet, sei dann aber invalid geworden. Nur dank der Invalidenrente von der damals noch freiwilligen Stiftung, die später zur Pensionskasse wurde, hätten sie ein einigermassen würdiges Leben führen können.
Nach einigen Jahren sollte das Buchhaltungsgebäude durch den Neubau, die heutige Tagesschule Birke, ersetzt werden, aber auf die Computerzentrale darin konnte man nicht mehr als ein bis zwei Tage verzichten. Man entschied sich deshalb, zuerst die Hälfte des Gebäudes neben der Zentrale abzubrechen und den halben Ersatzbau zu erstellen, sodass man die Zentrale innert Tagesfrist in diesen Neubau zügeln konnte.
Auch der Stoffladen befand sich in diesem Altbau. Er musste in das Vorgängerhäuschen der Heizgenossenschaft (Weisbrod-Areal 2) umziehen. Dort fanden auch die ersten Nähkurse statt. Später ging die Reise des Stoffladens weiter ins Erdgeschoss der heutigen Stiftung Tagesschule Birke. 1992 wurde dort grosse Eröffnung gefeiert, ebenfalls bereits mit einer eigenen Zeitung. Zuerst befand sich der Laden nur auf der linken Seite, 2006 folgte dann die Erweiterung auf die ganze Fläche des Erdgeschosses. Erst nach der Schliessung der Weberei zog der Stoffladen ins Zentrum des Areals, in das ehemalige Ausrüstungsgebäude, in den Raum, in dem zuvor ein riesiger Spannrahmen mit Wärmerückgewinnung gestanden hatte.

Bild: Edi Waldesbühl mit den Bankberatern an einem der ersten Computer im Garnlager, 1986.
Schärerei im 2. OG des Langhauses um 1930

Marie Heinzer-Heller – Produktionsmitarbeiterin von 1947 bis 1952

In dieser Zeit habe ich als Spulerin im Langhaus auf dem Weisbrod-Areal in Hausen gearbeitet. Wenn ich in Mettmenstetten aushalf, musste ich jeweils nach der Abendschicht noch zu Fuss nach Hausen laufen. Damals habe ich zu einem Stundenlohn von 75 Rappen gearbeitet.
Ich kann mich noch sehr gut an das 125-jährige Jubiläum erinnern. Da wurde für die Mitarbeitenden eine Fahrt mit dem Roten Pfeil zum Blausee organisiert.
Handgeschriebener Brief.
Bild: Spulengatter im Langhaus Weisbrod-Areal, 1944

Walter Steudler aus Aeugst am Albis, geboren 1930

Erinnerung an Waldarbeiten im Winter 1941/42 im Seeholz am Türlersee für Hans Weisbrod.
Mein Vater übernahm in jenem schneereichen, kalten Winter einen Holzschlag mit Aufrüstung (Spälten und Bürdeli) im damaligen Weisbrod-Wald in der Seebucht beim Hexengraben. Mein sechs Jahre älterer Bruder hat mit dem Vater an der grossen Waldsäge (ohne Motor!) gearbeitet. Mein Zwillingsbruder und ich mussten an den Stricken ziehen, das dauerte gut zwei Stunden nur für den Fällschnitt. Die grosse Eiche ging aber nicht zu Boden, sondern blieb im Nachbarbaum hängen. Der Grund war ein dicker Ast, der nur mit einer Sprengladung entfernt werden konnte. Mein Bruder kaufte deshalb in einem Comestible-Geschäft in Affoltern eine Sprengpatrone. Diese befestigte er auf einer langen Leiter am Ast und musste dann nach der Zündung rechtzeitig von der Leiter steigen! Es ging alles gut aus, und danach zogen wir Elfjährigen die Äste über den gefrorenen See auf Schlittschuhen bis ans Ende der Bucht.
Handgeschriebener Brief. Diese Anekdote hat er anlässlich seines 95. Geburtstages berichtet.
Bild: Brauereien aus Zürich gewinnen Eis aus dem Türlersee um ihre Lager zu kühlen

Schärerei im 2. OG des Langhauses um 1930

Maria Dalla Valle – Tochter von Produktionsmitarbeitenden aus Italien

Zu meiner Geburt am 24. September 1959, zudem auch der Geburtstag von Hans Weisbrod, bekamen meine Eltern von Hans Weisbrod einen Früchtekorb und einen Fünfliber geschenkt. Dies ist mir in besonderer Erinnerung geblieben, weil es meine Eltern stolz verkündet haben. Mein Vater hat als Magaziner und meine Mutter in der Weberei gearbeitet. Als Kleinkind war ich oft auf dem Areal und sah meinem Vater zu, wie er mit der Sense das Gras schnitt. Hans Weisbrod hatte ihn auch als Privatgärtner in seiner Villa engagiert.
Handgeschriebener Brief.
Bild: Blick in die Weberei Syfrig in Mettmenstetten, welche durch Heirat in den Besitz der Weisbrod-Zürrer AG überging, 1947

Hansueli Sidler vom Bauernhof Grindlen, Hausen am Albis, Enkel des Kohlelieferanten

Mein Grossvater, der Brie-Käser und Friedensrichter Emil Sidler, hat der Firma Zürrer und Söhne die Kohle für die Dampfma-schine zum Antrieb der Webmaschinen und für die Heizung geliefert. Er musste rund zweimal pro Woche neue Kohle an-liefern. Diese wurde mit grossen Holzwagen vom Bahnhof Mettmenstetten geholt. Eines der Holzräder werde ich gerne vorbeibringen, um es am Jubiläum auszustellen. Die Stahlbe-schläge dieser Räder mussten ungefähr alle eineinhalb Jahre neu beschlagen werden, obwohl sie fast zwei Zentimeter dick waren – so gross war deren Abnutzung wegen der noch nicht existierenden Strassenbeläge!
Mündliche Erzählung auf dem Hundespaziergang.

Bild: Schenkung von Hasueli Sidler, Original Wagenrad aus der Zeit der Kohlelieferung

Schärerei im 2. OG des Langhauses um 1930

Chrigel Müller – Zimmerei-Schreinerei Müller, Hausen am Albis

Beim Umbau unseres Ferienhauses im Haslital fand ich eine Zeitung mit einem Inserat aus Hausen am Albis. Zu verkaufen war 1913 ein Heimetli, nahe der Staatsstrasse gelegen, mit einer Seidenweberei ganz in der Nähe: «Lohnender Verdienst für Frauen und Töchter» wurde speziell erwähnt. Vermutlich war es eher umgekehrt, dass der niedrige Verdienst der fingerfertigen Frauen und Töchter für die Weberei lohnend war …

Mündliche Erzählung am Frühlingsmarkt.
Bild: Zeitungsinserat für den Verkauf von einem Wohnhaus mit lockendem Argument, 1913.