Aufbau der Heimindustrie durch Jakob Zürrer

1825 gründete der zwanzigjährige Jakob Zürrer (1805-1870) zusammen mit seinem Paten Mathias Hägi eine eigene Firma, zuerst als Ferggerei für den Stadtzürcher Seidenverlag von Muralt. Die Ferggereien – ferggen heisst auf Zürichdeutsch „bringen und holen“ – waren zu jener Zeit die Verteil-Zentren der Heimindustrie, wo die Heimweber die Seidengarne bezogen und die fertigen Stoffe wieder ablieferten oder sie vom Fergger wieder abholen liessen.

Bald wurde die Fabrikation von Seidenstoffen, die von Heimarbeitern und Heimweberinnen auf ihren Handwebstühlen produziert wurden, auf eigene Rechnung aufgenommen. Heinrich Daniel von Muralt, der in Zürich mit Rohseide handelte, beteiligte sich als Kommanditär mit 30‘000 Gulden am Unternehmen, während Jakob Zürrer aus seiner Erbschaft etwa 4’000 Gulden einschiessen konnte.

Industrie im Knonauer Amt zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Nach dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft ist 1798 das Privileg der Zürcher Stadtbürger, allein Handel treiben zu dürfen, gefallen. Die neuen Rechte der Landbevölkerung wurden in der Zürcher Verfassung von 1831 bestätigt und ermöglichten die Gründung von Handel- und Produktionsfirmen in der Zürcher Landschaft.

Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es eine grosse textile Heimindustrie im südlichen Teil der Zürcher Landschaft. Im Knonauer Amt und im Zürcher Oberland wurde Baumwolle am sogenannten Bockrad gesponnen. Am Zürichsee und im oberen Glatttal webten viele Heimarbeiter Baumwollstoffe. In einer gewerblichen Statistik von 1787 zählte man in Hausen bei einer Bevölkerung von ca. 2000 Personen 450 Spindeln und 20 Webstühle.

Jakob Zürrer war nicht der Einzige in der Region, der 1825 die neuen Chancen nutzte, um ins Seidengeschäft einzusteigen. Conrad Schärer eröffnete im gleichen Jahr eine Ferggerei in Ebertswil, die nach zwei Generationen an den Schwiegersohn Wilhelm Baer überging und als Façonweberei für die Firma Zürrer bis 1934 betrieben wurde. Die anderen Seidenfabrikanten im Amt starteten etwas später: die Familie Syfrig in Mettmenstetten um 1828, die Stehlis in Obfelden 1837. Die Naefs in Affoltern begannen 1846 und hatten später in Hedingen einen zweiten Betrieb, am Standort der heutigen Firma Ernst Schweizer AG.

Jugend und Ausbildung des Firmengründers

Die persönliche Geschichte von Jakob Zürrer ist bemerkenswert und ein Hinweis darauf, aus welchem Holz die Zürrers geschnitzt sind. Geboren ist Jakob Zürrer im Jahr 1805 an der Oberheischerstrasse 13. Sein Vater, Hans-Jakob Zürrer (1753-1807), war Knecht in der Mühle von Kappel und starb zwei Jahre nach der Geburt von Jakob bei einem Unfall mit seinem Pferdefuhrwerk. Seine Mutter, Anna (1768-1811), verstarb an Tuberkulose, sodass der sechsjährige Jakob als Vollwaise zurückblieb. In den Abrechnungen seines Vormunds, Hans Jakob Berli von Heisch, sind seine finanziellen Verhältnisse und sein Ausbildungsgang überliefert.

Nach dem Verkauf des landwirtschaftlichen Betriebes der Eltern verblieb ein Vermögen von über 4‘419 Gulden. Jakob besuchte die Schule in Hausen und wurde durch Privatstunden bei Schulmeister Orell besonders gefördert. Mit zehn Jahren besuchte er 1815-1817 das private Institut von Bezirksschulmeister Rudolf Stapfer im Thalacker in Horgen und lernte anschliessend während eines zweijährigen Aufenthalts in Courtelary im Berner Jura Französisch.

Die Waisenbehörde von Hausen wollte dem 15-Jährigen einen Bauernhof erwerben, damit er sich eine gesicherte Existenz aufbauen könne. Aber Jakob wollte nicht Bauer werden, und mit Hilfe seines Paten Mathias Hägi, dem Schwager seiner Mutter, erreichte er mit einem Gesuch an die Behörde in Zürich, dass er sich dem „Handelsstand“ widmen konnte. 1820 trat er eine Lehre im Handelshaus Jacob Ziegler und Comp. in Winterthur an.

Die Gründung eines Seidengeschäftes

Zu Beginn des Jahres 1825 stellte Jakob beim Unterwaisenamt in Hausen erfolglos das Gesuch, ihm 1000 Gulden aus seinem Vermögen auszuhändigen, um sich an einer Handlung von Jakob Rebsamen in Turbenthal zu beteiligen. Dann konkretisierten sich seine Pläne für die Gründung eines Seidengeschäftes in Hausen. Gegen den erneuten Widerstand der Waisenbehörde erhielt Jakob von der Hohen Commission des Innern die Erlaubnis, zusammen mit seinem Paten Mathias Hägi das Geschäft „Mathias Hägi und Cie.“ zu gründen. Für kurze Zeit war ein Jakob Höhn der dritte Teilhaber. Erst 1827 wurde Jakob Zürrer aus der „Bevogtigung“ (Vormundschaft) entlassen. Das Unterwaisenamt Hausen war in seinem Antrag zum Schluss gekommen, „dass der Zürrer seit seinem hiesigen Hiersein sich eines rechtschaffenen, achtungswürdigen und mit seiner Handlung sehr tätigen Lebenswandel beflissen. Das Unterwaisenamt hat sich überzeugt, dass derselbe sich angelegen sein lasse, um seiner und seiner Kollegen Vermögen zu äuffnen, und nicht nur zum Nutzen seiner Gemeinde, sondern auch beinahe des ganzen Oberamtes mit geschickter und fleissiger Hand arbeitet“. Im Jahre 1834 überliess Mathias Hägi das Geschäft dem 27-jährigen Jakob Zürrer. Dieser firmierte neu unter dem Namen „Jak. Zürrer“.

Mit leichten Geweben wie Marceline und Florence war Jakob Zürrer auf dem Zürcher Seidenmarkt erfolgreich. Die Zahl seiner Heimarbeiter wuchs auf 600 bis 700 Weberinnen und Weber an, die im Knonauer Amt, in den Kantonen Zug, Schwyz und Nidwalden wohnten. Das Rohmaterial wurde am Strang gefärbt und in wöchentlichen Touren an die örtlichen Fergger verteilt, um sie von den Heimarbeitern winden, zetteln und verweben zu lassen. Offenbar entsprachen die Anforderungen der textilen Handwerkskunst den Fähigkeiten der Bevölkerung, eine Arbeit sorgfältig und exakt auszuführen.

Inserat in der Alten Deutschen Illustrierten

1830 heiratete Jakob Zürrer Anna Ziegler, die Tochter eines Kupferschmieds aus Winterthur, die er während seiner Lehrzeit kennen gelernt hatte. Die Zürrers hatten drei Kinder: David Heinrich Emil (1830), Barbara Bertha (*1833) und Friederich Theophil (*1838).

Bau der ersten Geschäftshäuser durch namhafte Zürcher Architekten

Das Geschäft und die Wohnung des jungen Paares wurden um 1830 im Unterdorf von Hausen an der alten Strasse nach Kappel eingerichtet. In der Liegenschaft (heute Jonenbachstrasse 2-6) wurde 1837, nach der Eröffnung der neuen Albis-Passstrasse, die erste Poststelle in Hausen eröffnet, später die Wirtschaft Zur Alten Post. Da das aufblühende Geschäft den Rahmen sprengte, liess Jakob Zürrer 1840 gegenüber ein neues grosses Geschäftsgebäude (heute das Haus Zugerstr. 18, «Grandezza») errichten, das unter einem Dach die Wohnung für die Familie, das Kontor und das Lager des Seidengeschäfts sowie die Landwirtschaft beherbergte. Planung und Bauleitung hatten die bekannten Zürcher Architekten Leonhard Zeugheer (1812-1866) und Wilhelm Waser (1811-1866) übernommen. Für den ungewöhnlichen Bau zogen sie Baugeschäfte aus Zürich und Winterthur zu. Gleichzeitig bauten Zeugheer und Waser auch das neue Hauptgebäude der Kaltwasserheilanstalt Albisbrunn.

Die “Grandezza”, das Verteilzentrum für die Heimarbeit, erbaut 1840

Zehn Jahre später, um 1850, mussten die Geschäftsräume wieder erweitert werden. Auf der anderen Seite der neuen Zugerstrasse wurde ein Gewerbehaus (heute Zugerstr. 21) gebaut mit Kontor, Ferggerei, Winderei und Seidenlager. Als Architekt wirkte Ferdinand Stadler (1813-1870). Für den Antrieb der Winderei-Maschinen sorgte ein Tretrad, das von Männern aus der Armenanstalt Kappel angetrieben wurde.

Engagement in der Öffentlichkeit

1835 wählten die Stimmbürger den dreissigjährigen Jakob Zürrer in den Grossen Rat des Kantons Zürich (später Kantonsrat genannt). Dieses Amt hatte er bis 1870 inne, mit einem Unterbruch von 1839 bis1842, weil er als Liberaler nach dem „Straussenhandel“ (Auseinandersetzung um den Theologieprofessor Strauss) vom Volk nicht mehr gewählt wurde.

Im September 1847, als der Kantonsrat über die Standesstimme von Zürich in der Tagsatzung beschliessen musste, stimmte Zürrer gegen die Auflösung des Sonderbunds, da er seine wirtschaftlichen Beziehungen in die Innerschweiz nicht gefährden wollte. Kriege brachten für die modische Textilbranche immer bedrohliche Einbrüche des Geschäftsganges. Der Wunsch nach schönen Kleidern hatte in solchen Krisenzeiten nicht erste Priorität.

Als Kantonsrat setzte er sich für den Bau der Eisenbahnlinie durch das Knonauer Amt ein, die 1864 den Zürcher Anschluss an die Gotthardlinie brachte. Zürrer finanzierte das Beteiligungskapital der Gemeinde Hausen aus eigener Tasche. In der Gemeinde Hausen wie auch im Bezirk engagierte er sich für die Öffentlichkeit. Er war Zunftgerichtspräsident. Als Schulpfleger setzte er sich für einen besseren Schulbesuch der Kinder ein, die von den Eltern oft lieber im Haus und auf dem Feld als Arbeitskräfte gebraucht wurden. Dreissig Jahre lang war er Mitglied der Bezirks-Kirchenpflege.

Geschäfte mit Internationaler Resonanz

Die Geschäftsbücher, die uns etwas über die Kunden oder den Geschäftsgang aussagen könnten, sind verloren gegangen. Wir wissen, dass Caspar Baumann, der spätere Schwiegersohn, die Zürcher Seidenindustrie und damit auch die Interessen von Jak. Zürrer in New York vertreten hat. Auch in Europa fanden die Zürrer’schen Stoffe Beachtung. An der Weltausstellung von 1851 in London wurden sie mit einer bronzenen „Victoria-und-Albert-Medaille“ ausgezeichnet und an der Weltausstellung in Paris, vier Jahre später, mit einer silbernen „Napoléon III-Medaille“.

Sicherung der Nachfolge

Besondere Sorgfalt hat Jakob Zürrer auf die Ausbildung der Söhne gelegt, um sie auf den Eintritt in das väterliche Geschäft vorzubereiten. Von Theophil wissen wir, dass er zuerst die Stadtschule in Zürich besuchte. 1855/56 absolvierte der 17-Jährige in Leipzig eine Handelsschule. Nach einem Jahr im väterlichen Geschäft wurde er 1857 nach Paris geschickt, um sich im Seidenhandel weiterzubilden. Es ist auch überliefert, dass er Geige spielte und von einem Freund des Vaters, dem Zürcher Maler Johann Jakob Ulrich, Professor für Landschaftszeichnen am Eidg. Polytechnikum, im Malen und Zeichnen unterrichtet wurde.

Der ältere Sohn, Emil Zürrer, heiratete 1856 Emilie Schwarzenbach. Zur Familie Schwarzenbach, die seit 1832 in Thalwil ihre Seidenfabrikation betrieb, bestanden mannigfache Beziehungen. Jakob Zürrer sass mit Emilies Vater, Johann Schwarzenbach-Landis, im Kantonsrat. Theophil Zürrer war mit Emilies Bruder Robert Schwarzenbach-Zeuner gut befreundet. Theophil heiratete 1861 Ida Schwarzenbach, die jüngere Schwester von Emilie und Robert.

Bertha Zürrer, die einzige Tochter von Jakob Zürrer, heiratete 1857 Caspar Baumann, den späteren Nationalrat. Bis zum Sezessionskrieg lebte das Paar in New York und liess sich später in Zürich im Talacker nieder.

Emil und Emilie übernahmen die Wohnung der Eltern im grossen Geschäftshaus Zugerstrasse 21, das 1860/64 stark umgebaut wurde, und besorgten auch die Landwirtschaft. Von ihren Kindern trat Paul (1857) später in die Firma ein. Theophil zog mit seiner acht Jahre jüngeren Frau Ida ins Haus Zugerstr. 18 ein, heute allgemein «Grandezza» genannt. Ihre drei Kinder Robert (1862), Theophil junior (1866) und Fanny Mathilde (1873) spielen in der Firmengeschichte der Weisbrod-Zürrer eine Rolle. Als Sommerhaus erwarb Theophil den Hof Neuhus zwischen den Weilern Hinter- und Mittelalbis. Nachdem dieser 1871 mangels Löschwassers niederbrannte, liess er ihn erneut aufbauen, mit einer Laube und einem geräumigen hohen Salon für den Empfang von Gästen im ersten Stock.

Als die Mode schwere Stoffe wie Faille und Kaschmir verlangte, die auf den leichten Zürcher Webstühlen nicht gewoben werden konnten, wurde Theophil nach Lyon geschickt, von wo er einen kompletten Lyoner Webstuhl mit nach Hause brachte. Nach diesem Modell wurden nun schwere Webstühle gebaut. Als erste Firma der Zürcher Seidenindustrie produzierten die Zürrers auf diesen Lyoner Webstühlen in Hausen einen schweren Faille-Stich 80/8 mit 640 Kettfäden pro französischem Zoll (255 Fäden pro cm) und einen Taffet mit 288 Kettfäden pro französischem Zoll (114 Fäden pro cm).