Der Übergang zur Fabrikarbeit unter Emil und Theophil Zürrer
Es war offenbar selbstverständlich, dass die beiden Söhne von Jakob Zürrer nach ihren Lehr- und Wanderjahren ins väterliche Geschäft eintraten und mehr und mehr Verantwortung übernahmen. Sie überzeugten den Vater, 1865 die Partnerschaft mit den von Muralts aufzulösen. Nachdem Heinrich von Muralt und seine Söhne verstorben waren, war die Vertrauensbasis für die Geschäftsbeziehung verloren. Ein Prokurist der Firma von Muralt versuchte, die Zürrers zu kontrollieren, was sie mit der Kündigung der Kredite quittierten.
Die Entwicklung von mechanischen Webstühlen
Emil war technisch begabt und erkannte, dass die mechanischen Webstühle, welche Baumwollgarne erfolgreich verweben konnten, auch für die Seidenverarbeitung einsetzbar waren. Er kaufte in England vier Webmaschinen und versuchte sie weiterzuentwickeln. Er installierte seine Werkstatt in Adliswil, wo ihm als Antrieb die Wasserkraft der Sihl zur Verfügung stand. Nach vier Jahren Entwicklung, zusammen mit einem Techniker, gelang es ihm 1860, Seide maschinell zu verarbeiten.
Die neue Technik fand nun das Interesse der beiden Schwager Robert und Alfred Schwarzenbach, deren Geschäft in Thalwil etwa 10’000 Heimarbeiter und Heimweberinnen beschäftigte. Die Zürrers und die Schwarzenbachs gründeten zusammen mit deren Schwager J. Scheller-Schwarzenbach die Mechanische Seidenweberei Adliswil (MSA). Sie entwickelten diese zu einem erfolgreichen Unternehmen, was Adliswil einen grossen Aufschwung brachte. Mit rund 1000 Webstühlen und über 1000 Mitarbeitenden war die MSA eine Fabrik der Superlative mit mehreren Fabrikgebäuden und Wohnsiedlungen. Als Grossbetrieb war sie jedoch besonders anfällig für die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre und wurde 70 Jahre nach der Gründung wieder geschlossen.

Die gigantische Fabrik MSA in Adliswil, ein “Joint-Venture” der beiden Familien Zürrer und Schwarzenbach, um 1900
Als die Mode schwere Stoffe wie Faille und Kaschmir verlangte, die auf den leichten Zürcher Webstühlen nicht gewoben werden konnten, wurde Theophil nach Lyon geschickt, von wo er einen kompletten Lyoner Webstuhl mit nach Hause brachte. Nach diesem Modell wurden nun schwere Webstühle gebaut. Als erste Firma der Zürcher Seidenindustrie produzierten die Zürrers auf diesen Lyoner Webstühlen in Hausen einen schweren Faille-Stich 80/8 mit 640 Kettfäden pro französischem Zoll (255 Fäden pro cm) und einen Taffet mit 288 Kettfäden pro französischem Zoll (114 Fäden pro cm).

Blick in den Websaal der MSA, um 1890, Quelle: Staatsarchiv

Nach Schichtende verlässt das halbe Dorf Adliswil die Fabrik, MSA
Tod des Firmengründers
1870 verstarb Jakob Zürrer nach einem Schlaganfall mit 65 Jahren. Die Söhne Emil und Theophil führten das Geschäft unter dem Namen „Jakob Zürrer“ weiter. Emil löste den Vater auch im Kantonsrat ab, aber bereits 1879 starb auch Emil, erst 48-jährig an Magenkrebs. Sein Sohn Paul als erster Vertreter der dritten Generation übernahm die Funktionen des Vaters im Geschäft. Er heiratete 1889 die 18-jährige Engländerin Mabel Vincent (1871-1935), wohnte im Haus seiner Eltern an der Zugerstrasse 21, war Kavallerist und ein grosser Pferdeliebhaber. 1902 zog er nach Zürich, um sich ganz der Mechanischen Seidenfabrik Adliswil zu widmen.
Erster Fabrikbau in Hausen unter Oberst Theophil Zürrer
Der Übergang von der Heimindustrie zum Fabrikbetrieb fand auch im Geschäft in Hausen statt. 1875 wurde das erste Fabrikgebäude, das heutige Langhaus erstellt mit einer Winderei, einer Zettlerei und 40 Lyoner Webstühlen. Bereits 1887 musste die Anlage mit einem Neubau erweitert werden, in dem mechanische Webstühle aufgestellt wurden. Da am Jonenbach nicht genügend Wasserkraft zur Verfügung stand, wurden sie von einer Dampfmaschine angetrieben.

Das erste 4-stöckige Fabrikgebäude auf einer Postkarte, 1905
Während die Belegschaft der Heimindustrie Weber bis in die Innerschweiz umfasst hatte, bot die Firma nun Arbeitsplätze in der Fabrik in Hausen an. Ganze Familien von Hausen, Kappel und Rifferswil arbeiteten für die Zürrers. Nebenarbeiten wie das „Putzen“ von gewobenen Stoffen (das Ausbessern kleiner Fehler oder Entfernen von Fremdfasern) wurden aber weiterhin in Heimarbeit erledigt. So wie auch in der Landwirtschaft damals alle Generationen einer Familie im Betrieb mithelfen mussten, ermöglichten in der Fabrikarbeit die Löhne beider Eltern samt ein oder zwei Jugendlichen zusammen ein genügendes Auskommen für die Familie.
Erfolgreiche Exportgeschäfte
Der Hauptanteil der Produktion wurde exportiert, wobei der Telegraf und später das Telefon den Verkehr mit dem Ausland erleichterten. Mit „Gros de Naples“ und schwarzen und farbigen „Taffetas“ hatten die Zürrers Erfolg. Für den amerikanischen Markt produzierten sie „Gros Grain noir“, einen Seidenstoff mit 25 Prozent Charge (Erschwerung der Seide mit Zink). Auch blieben internationale Anerkennungen nicht aus. An der Weltausstellung von 1873 in Wien wurden ihre Seidenstoffe mit der österreichischen Verdienstmedaille ausgezeichnet und in Paris 1878 mit einer silbernen Plakette. Auch 1883 an der Landesausstellung in Zürich hiess es in der Würdigung der Seidenbranche: „Der Pavillon der Firma Zürrer war der schönste, sowohl was die Schönheit als auch den Geschmack der Arrangements anbelangt“.
Eine Spezialität der Firma war die Herstellung von seidenen Fahnenstoffen. Die Fahnen der Schweizer Armee und fast alle seidenen Vereinsfahnen in der Schweiz hatten damals ihren Ursprung in Hausen am Albis.
Kriegs- und Krisenzeiten
Kriegs- und Krisenzeiten oder Änderungen der Mode sorgten immer wieder für einen turbulenten Geschäftsgang. Der Sezessionskrieg von 1861 brachte das amerikanische Geschäft zum Erliegen. Im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) mobilisierte auch die Schweizer Armee, und Theophil Zürrer leistete als Bataillons-Kommandant Aktivdienst. Zehn Jahre später kommandierte er als Oberst eine Brigade, einen Truppenkörper von mehr als 5000 Mann, bis er 1884 den Dienst quittierte, um sich ganz dem Geschäft zu widmen.
1876, ein Jahr nach der Eröffnung der neuen Fabrik in Hausen, vernichtete ein später Frost in Italien fast die ganze Seiden-Ernte, was die Preise in ungeahnte Höhen trieb. Die Grossisten wollten nicht das Risiko eingehen, auf den teuren Stoffen sitzen zu bleiben und sistierten die Bestellungen. Um sich eigene Absatzkanäle zu eröffnen, kauften die Gebrüder Zürrer in Zürich an der Bahnhofstrasse an bester Lage einen Stoffladen mit Direktversand nach ganz Europa. In Tageszeitungen inserierten sie ihre „Hochfeinste Satins merveilleux, Satin Dumas moiré, Surah, Atlas, Susines, Taffetas, Marceline“. In deutschen Zeitungen liessen sie auch Inserate erscheinen, worin die Zürrer-Seiden als nur „Pari“ erschwert (ca. 10%) angeboten wurden, weshalb diese den Produkten der Konkurrenz weit überlegen seien. Das Inserat liest sich stellenweise wie ein heutiges Firmenleitbild.
Die Prominenz bestellte direkt ab Fabrik. So schrieb Fürstin Bismarck 1877: „Ersuche mir von demselben Seidenzeug, welches meine Schwägerin, Frau von Arnim, bekommen, 25 Ellen zu senden: Taffetas A, Breite 58½, Preis 7 fr. 50 cts. Dessin 108 ist das Stück bezeichnet. Ergebenst, Fürstin Bismarck.“
Die Grossisten reagierten aber ihrerseits auf den Zürrer’schen Direktverkauf und bestellten nicht mehr bei der neuen Konkurrentin. Eine Mode in Paris, die neu das Tragen von Wollstoffen propagierte, brachte Mitte der 1880er-Jahre einen zusätzlichen Einbruch des Seidengeschäftes. Robert Schwarzenbach riet seinem Schwager Theophil, das Geschäft in Hausen zu liquidieren, da er ja bequem von den Einkünften seiner Beteiligung an der MSA leben könne.
Auswege aus der Krise
Theophil fand aber andere Wege aus der Krise. Die Zürrers verkauften ihre Liegenschaft an der Bahnhofstrasse 52 ihrem langjährigen Buchhalter Emil Spinner, der das Geschäft unter dem Namen Seiden-Spinner erfolgreich weiterführte. In Hausen wurden die alten Lyoner Stühle durch moderne mechanische Webstühle ersetzt. 1892 erwarb Theophil Zürrer die Baumwoll-Zwirnerei Aeugstertal, wo er eine weitere Seidenweberei einrichtete.
Besonders interessant war für ihn das Wasserrecht an der Reppisch, zwischen Türlersee und Aeugstertal. Die Anlage bestand aus einem offenen Kanal, der das Wasser des Baches in einen Weiher oberhalb der Fabrik im Aeugstertal leitete. Von dort wurde es auf eine Turbine geleitet, welche schon damals elektrischen Strom produzierte. Oberst Theophil Zürrer stellte 1893 das Gesuch, eine Freileitung vom Aeugstertal nach Hausen zu bauen zu dürfen, um die Fabrik in Hausen und die eigenen Häuser mit Strom zu versorgen. In der Bewilligung des Regierungsrates hiess es: „Die Höhe der Drähte muss mindestens 7 m betragen, und bei Strassenüberquerungen sind unter den Drähten Netze anzubringen“. Die allgemeine Versorgung des Kantons Zürich mit Elektrizität war zu jener Zeit noch umstritten, diese erste elektrische Freileitung sorgte entsprechend für Furore. Eine Expertenkommission des Regierungsrates äusserte die Meinung: „Dampfmaschinen, Leuchtgas und Acetylen laufen der Elektrizität bald den Rang ab“.
1884 gründete Oberst Theophil Zürrer eine Aktienbäckerei an der Albisstrasse 6, die später jenseits der Strasse im Haus Nr. 3 weitergeführt wurde. Die Aktienbäckerei sollte der Arbeiterschaft den Kauf von gutem und günstigem Brot ermöglichen. Davon profitierten damals etwa 350 Personen. Die jährliche Generalversammlung, so wird erzählt, sei jeweils ein richtiges Dorffest gewesen. Sie bestand bis 1950 als Aktiengesellschaft und wurde anschliessend auf privater Basis weiterbetrieben. Nach dem Erwerb und Abbruch des leerstehenden Gebäudes an der Albisstrasse 6 erstellte die Weisbrod-Zürrer AG 2018 einen Neubau, in dem nun wieder eine Bäckerei eingemietet ist.
Fusion durch Heirat von Theophil Zürrer-Syfrig
Von den Söhnen des Obersten Theophil Zürrer trat Theophil junior 1890 nach Ausbildungen in Adliswil, Lyon, London und Oberitalien in das Geschäft ein. Er heiratete 1895 Emmy Syfrig (geb. 1875), die einzige Tochter des Seidenfabrikanten Syfrig aus Mettmenstetten.

Weberi Syfrig in Mettmenstetten, welche durch Heirat in die Firma gelangte
Nach dessen Tod gelangte der Mettmenstetter Betrieb 1900 in den Besitz der Zürrers. Das fusionierte Geschäft wurde in „Theophil Zürrer“ umbenannt. Theophil junior kaufte 1895 vom Gemeindeammann und Müller Johannes Grob das Haus in der Grünau (dem Hügel über dem Firmengelände), in dem der Grossvater Jakob Zürrer gewohnt hatte.
Der älteste Sohn von Oberst Theophil Zürrer, Dr. Robert Zürrer, hatte Chemie studiert und arbeitete in Italien und Frankreich, bis er nach einem Chlorgasunfall nach Hausen zurückkehrte und 1902 von seinem Cousin Paul das Haus an der Zugerstrasse 21 mit der Landwirtschaft übernahm (dieser war wegen der MSA nach Zürich gezogen). Er war mit Barbara Illi (1868-1953) verheiratet, deren Kinder später den Bauernhof (heute Zugerstrasse 23) weiterführten.

