Ronald Weisbrods Kreativität als Schlüssel zum Erfolg
Während die Weberei bisher vor allem Uni-Stoffe produziert hatte, wurde nun das Design von Stoffen für den Erfolg von der Weisbrod-Zürrer AG immer wichtiger. „Mehr Kreativität“ lautete der strategische Grundsatz. Weil die Zeit der Zellwollgewebe sich dem Ende näherte, mussten andere Neuheiten entwickelt werden. In eigenen Ateliers wurden mit rund zehn Textildesignerinnen mit grossem Engagement und beträchtlichem finanziellem Aufwand jährlich über 1000 neue Stoffmuster für Damenbekleidung, Krawatten und Innendekoration kreiert.

Die Designerin Eveline Schoiswohl in DOB-Design-Abteilung
Ronald Weisbrod verfügte selbst über ein grosses künstlerisches Flair und liebte es, die zahlreichen Neuentwicklungen persönlich zu begleiten. Oft war er im Designatelier anzutreffen und leitete dieses während vieler Jahre selbst. Jede Saison freute er sich darauf, die Neuheiten an den Messen vorzustellen, allen voran an der Première Vision in Paris. Diese Messe besuchte er als erster der Schweizer Textilindustriellen. Beim Aufbau dieses ersten Standes half ihm seine Frau Renate. Für ihn war der Kontakt mit der internationalen Kundschaft und vor allem die Suche nach internationalen Kreativen während der Messen der Hauptinhalt seiner Arbeit.
Die Marke „e-motion“, welche Ronald 1992 lancierte, brachte es auf den Punkt: Mode hat mit Emotionen, mit Faszination und Stimmungen zu tun. Die hochkreative, farbenprächtige Kollektion beinhaltete nebst Jacquard-Stoffen aus der eigenen Weberei oder jenen aus Italien auch Stickereien aus Indien. Für deren Entwicklung und Produktionsüberwachung bereiste Ronald dieses Land immer wieder. Es war herausfordernd, sich für diese neue Marke in der Textilbranche einen Ruf zu erarbeiten, denn die Weisbrod-Kleiderstoffkollektion wurde bisher von den Japan-Artikeln dominiert. Dabei handelte es sich um qualitativ hochwertige, unifarbene Microfiber-Polyester-Gewebe, die in Grossmengen und eigenen Farben in Japan eingekauft und dann in Kleinmengen in die ganze Welt weiterverkauft wurden. Zu diesem Zweck liess die Geschäftsleitung in Hausen sogar ein eigenes Zollfreilager bauen (am Hang in Richtung Grünau-Villa). Dessen Betrieb und Lagerführung war von den Behörden stets streng kontrolliert.
Weiterhin produzierte man immer noch erfolgreich Krawatten-Seidenstoffe für den europäischen und amerikanischen Markt. Ronald Weisbrod und sein Team eröffneten zudem auch einen Markt in Afrika. Sie stellten steife Brokat-Jacquard-Gewebe her, die zu farbenprächtigen, glitzernden Head-Ties gewickelt von afrikanischen Damen getragen wurden. In all diesen Märkten pflegte Ronald langwährende auch persönliche Kontakte.
Konzentration des Unternehmens auf den Textilbetrieb in Hausen
1985 entstand in Hausen ein Neubau für die Jacquard-Weberei, die mittlere der späteren drei Weberei-Hallen: Jede Generation errichtete einen Fabrik-Neubau. Zugleich wurde der Webereibetrieb in Mettmenstetten, der mehrheitlich Krawattenstoffe hergestellt hatte, eingestellt und in die Produktion in Hausen integriert.
Um das Unternehmen auf Vordermann zu bringen, musste auch die betriebliche und bauliche Infrastruktur ausgebaut und angepasst werden. Durch die Konzentration von Designatelier, Produktion und Verkauf an einem Standort in Hausen wurden die Voraussetzungen geschaffen, um den Ablauf von der Idee bis zum Verkauf zu optimieren.
Mit den Jahren gestaltete sich die Suche nach neuen Umsatzmöglichkeiten zunehmend schwieriger. An einer Messe entdeckte Ulf Moritz, ein berühmter Innendekorations-Designer, die Seidenqualität «Apia», die er für Vorhänge statt für Bekleidung einsetzte. Dies war der Start für die erfolgreiche und kreative Innendekorations-Abteilung. Diese entwickelte sich während vieler Jahre zum wichtigsten Standbein. Deren Designer entwarfen in engster Zusammenarbeit mit den hochwertigsten Textilverlagen innovative Gewebe-Kreationen, die nicht selten Design-Preise gewannen.
Firmenzukäufe
Ronald Weisbrod war immer auf der Suche nach neuen Nischen. Durch die Übernahme von Firmen konnte Wissen dazu gewonnen und das Angebot ergänzt werden. 1976 wurden der Samt-Importeur Simmen gekauft und neu auch Samtstoffe angeboten. 1983 wurde die H. Gut & Co. integriert, eine Firma mit rund 30 Angestellten, die als Converter im Design von Stoffdrucken auf Seiden- und Baumwollgeweben tätig war. Auch die beliebten Stretch-Stoffe von Wiprächtiger gehörten dazu. Deren Firmengebäude an der Gartenstrasse in Zürich wertet noch heute das Immobilien-Portfolio der Weisbrod-Zürrer AG auf. Aus dem Konkurs der Firma Schubiger & Schwarzenbach aus Kaltbrunn wurden 1994 Maschinen und Archive übernommen, insbesondere für das Head Ties-Geschäft. Über den Umweg von Schubiger gelangten so auch die Archive der 1978 geschlossenen Firma Fierz aus Meilen in den Besitz der Weisbrod-Zürrer, sie hatte sehr hochwertige Seidengewebe hergestellt. 1994 wurde die Textil-Grossisten-Firma J. Gasser & Co. in Olten erworben, um das Angebot für den eigenen Stoffladen und die Schweizer Detailkundschaft allgemein erweitern zu können. Die Firma wird nach wie vor als Tochterfirma in Däniken, Solothurn, weitergeführt.
Firmenverkäufe
Die Konzentration der Aktivitäten im Textilbereich in Hausen führte auch zu Verkäufen von Teilen der Firma. 1990 wurde die 1933 gegründete englische Niederlassung Lancashire Silk Mills in Darwen den früheren Partnern Gebrüder Weisters verkauft. Gleichzeitig wurde Ronald Weisbrod vom Verwaltungsrat mit dem Verkauf der Loring AG in Mettmenstetten beauftragt, denn der Markt verlangte nach immer mehr Produkteneuheiten, deren Entwicklung einen Umsatz voraussetzten, der in der Schweiz nicht zu erreichen war. Ronald unternahm eine Reise zu Lieferanten und Konkurrenten auf der Suche nach möglichen Abnehmern. In London, bei der chinesischen Firma “DSG, Disposable Soft Goods“, hatte er 1994 nach schwierigen Verkaufsverhandlungen schliesslich Erfolg. Bedingung war, dass Ronald neben einem Delegierten der DSG die Geschäftsleitung der Windelfabrik während fünf Jahren persönlich übernahm.
Nach einigen Jahren verkauften die DSG die Firma an die Intigena Holding aus Deutschland mit Sitz in Zug weiter, welche die Windelfabrik weiterhin als Mieterin in Mettmenstetten betrieb. 2022 entschied diese dann, den Betrieb in der Schweiz einzustellen. Deshalb muss nun auch das Areal in Mettmenstetten umgenutzt werden, vorerst mit einer Zwischennutzung, während die Planung für eine Neugestaltung des Areals vorangetrieben wird.

Blick in die Windelproduktion der Loring in Mettmenstetten, welche 1994 verkauft wurde
Neunzig Prozent für den Export
90% der Produktion waren in den 90er-Jahren für den Export bestimmt. Die Hauptmärkte waren Deutschland, Japan, USA, Frankreich, Italien und England. Die Damen-Oberbekleidungs-Stoffe bildeten den Hauptteil des Geschäftes (68%), gefolgt von Innendekorations-Stoffen (15%), Krawatten-Stoffen (15%), Fahnen- und Trachten- und klerikalen Stoffen (2%). Rund die Hälfte der Gesamt-Menge von 2 Mio. Metern Stoff wurde im Betrieb in Hausen produziert, die andere Hälfte von Partnerbetrieben in Italien, Frankreich, Japan oder Indien. Ein Teil der in Hausen gewobenen Stoffe wurde noch zur Veredelung in externe Betriebe weitergeleitet.
Ronald Weisbrod mit Kunden an der Premiere Vision, der wichtigsten Messe der Branche

